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Die
„ Neue Stadt Wulfen“ hat als eines der wenigen städtebaulichen Großprojekte
des Ruhrgebietes in den 60er und 70er Jahren große Beachtung gefunden.
Die Diskussion darüber war von Beginn an kontrovers und
leidenschaftlich. Die westfälisch geprägte Bevölkerung war zunächst
misstrauisch. Der Rat der Gemeinde Wulfen hatte mehrmals über den
Abbruch des Projektes beraten.
Wie
ist es zu den Planungen gekommen? In den 50er Jahren war die Kohle noch
die Energiequelle Nr. 1. Der Bergbau wanderte nach Norden; erste
Bohrungen nach Kohle überschritten die Lippe. In Wulfen wurde 1958 mit
der Abteufung einer Schachtanlage begonnen. Zur Rekrutierung der
Belegschaft und zu deren Unterbringung sollte keine klassische
Bergarbeitersiedlung gebaut werden, sondern eine komplette „ Neue
Stadt“. Die Bergwerksgesellschaft, der Siedlungsverband
Ruhrkohlenbezirk, der Landkreis Recklinghausen und eine Großbank
schlossen sich zu einer „Entwicklungsgesellschaft“ zusammen, um
diese ehrgeizige Projekt zu realisieren. Es basierte auf folgenden Überlegungen:
Für
ca. 8000 Beschäftigte im Bergewerk (Zieljahr 1990) sowie für die
notwendige Mantelbevölkerung müssen Wohnungen gebaut werden. Die Stadt
soll im Endausbau 60.000 Einwohner haben.
Neben
dem Bergwerk sind weitere Gewerbeflächen für die notwendigen ergänzenden
Betriebe zu schaffen
Die
Stadt ist in die natürliche Umgebung der münsterländischen Landschaft
einzupassen.
Die
notwendigen Infrastruktureinrichtungen sind zu erstellen. Hierunter sind
neben den öffentlichen Einrichtungen wie Kindergärten, Spielplätze,
Schulen, Kultur und Sporteinrichtungen auch Einrichtungen der privaten
Infrastruktur mit Gütern des periodischen und aperiodischen Bedarfs zu
verstehen.
Ein
Internationaler Städtebauwettbewerb wurde ausgelobt. Den ersten Preis
gewann 1961 Prof. Fritz Eggeling (verstorben), Berlin. Sein städtebaulicher
Entwurf wurde zur Grundlage von Planung, Grunderwerb, Erschließung und
Hochbau. Folgende Besonderheiten zeichneten ihn und die nachfolgenden
Planung aus:
Die
Höhenentwicklung verstärkt die natürliche Topographie und berücksichtigt
die vorhandenen Grünbereiche und Bachläufe.
Ein
vom Fahrverkehr getrenntes Fuß- und Radwegenetz durchzieht die Stadt
und schafft damit verkehrsberuhigte Zonen.
Zu
einer Zeit , als das Wort „ Ökologie“ noch nicht zum allgemeinen
Sprachschatz gehörte, wird eine zusammenhängende Grünplanung zur
Grundlage öffentlicher wie privater Planung. Zur
Vermeidung von Luftverschmutzung wird die elektrische Heizung zur
Pflicht. (Dieser damals ehrlich gemeinte Beitrag zum Umweltschutz sollte
sich im Nachhinein als Irrtum erweisen)
Die
weiteren Planung war von Typenvielfalt im Wohnungsgrundriss und einer
verdichteten Bauweise geprägt, die eine Abkehr von monotonen Hochhäusern
schon zu Beginn der 70er Jahre aufzeigte. Mit Unterstützung des Bundes
und des Landes wurde mit neuen Wohn- und Bauformen experimentiert.
„Finnstadt“, „Metastadt“ und „Habiflex“ waren beachtenswerte
Demonstrativbaumaßnahmen. Sie bezeichneten einen in Deutschland
einmaligen Versuch, Wohnungsgrundrisse auch nach der Beendigung der
Bauphase zu variieren, Wohnungsgrößen den sich wechselnden
Anforderungen der Familien anzupassen und Bausysteme zur Überspannung
von Sanierungsgebieten zu erproben.
Durch
die Krise des Bergbaus wurde dem Konzept die wirtschaftliche Basis
genommen.
Neue
Zielvorstellungen mussten entwickelt werden. Nun ging es um die
regionale Wohnbedarfsdeckung, um die Umstrukturierung des Ballungsgrades
und die Entkernung des Ruhrgebietes. Die Zielvorstellungen wurden der
sich verändernden Realität angepasst: Zunächst wurde die
Einwohnerzahl bei reduzierter Fläche auf 30.000 zurückgenommen und
schließlich – im Rahmen der kommunalen Neugliederung – auf 20.000.
Spätestens im Jahre 1975 ist Wulfen zu einer Großwohnsiedlung wie
viele andere geworden. Neben Mietwohnungsbau wird – ebenfalls flächensparend
– nun auch Einfamilienhausbau betrieben.
Als
Mitte der 80er Jahre ein Wohnungsüberangebot in der Bundesrepublik
Realität wurde, war Wulfen besonders betroffen. Annährend 500
Wohnungen standen leer. Es kam zum Abriss der „Metastadt“ mit 101
Wohnungseinheiten und etwa 600 m2 gewerblicher Nutzfläche. Für
viele war dies – in bekannter Vergröberung – der Abriss von Wulfen,
der ungeliebten „Retorten-„ und „Reißbrettstadt“. Über die übrigen
rund 4.000 Wohnungseinheiten in gutem ökologischen Umfeld wurde nicht
berichtet.
1987
wurde die Entwicklungsgesellschaft in ihrer Planungstätigkeit stark
eingeschränkt. Das Land Nordrhein-Westfalen stellte die Förderung von
Wulfen ein. Das Projekt wurde „kommunalisiert“. Wulfen ist damit
endgültig ein ganz normaler Stadtteil geworden. Zusammen mit Alt-Wulfen,
der ehemaligen Landgemeinde, die im Sog der Entwicklung der „Neuen
Stadt“ auf 5.000 Einwohner gewachsen war, bildete es 1992 mit 17.000
Einwohnern den größten Stadtteil von Dorsten mit insgesamt etwa 80.000
Einwohnern.
Die
Wohnumfeldbedingungen sind als gut anzusehen. Notwendige
Infrastruktureinrichtungen wurden großzügig durch das Land bezuschusst
und z.T. beispielhaft errichtet. Hierzu gehören u.a. neben einer
Gesamtschule mit integrierter Schul- und Stadtbibliothek ein
Gemeinschaftshaus mit Freizeitbadanlage. Die sozialen Probleme haben
sich im Laufe der Jahre normalisiert. Besonderheiten negativer Art
werden immer weniger registriert.
Hinsichtlich
der Entwicklung von Arbeitsplätzen wurden die planerischen Ziele der
70er Jahre nicht erreicht. Weder die Ausweisung von Gewerbeflächen
–hier entstand der erste Gewerbepark- noch die ursprünglich geplante
Bevölkerungszahl von 60.000 Einwohnern lösten automatisch eine
Gewerbeansiedlung aus. Die Strukturkrise des Ruhrgebiets machte vor
Wulfen nicht Halt. Glücklicherweise liegt der Chemiepark Marl mit ca. 15.000
Arbeitsplätzen in 7 km Entfernung in der Nachbarstadt Marl. Zusammenfassend ist festzuhalten, daß weder „Reißbrett“ noch „Retorte das Leben in Wulfen heute bestimmen. Normalität –und die ist schwer genug- ist angesagt. Etwa 4.500 Wohnungseinheiten sind bisher gebaut. Die Zahl nimmt ganz langsam zu. Wulfen hat seine Bedeutung für die Region. Wer kann einschätzen, um wie viel mehr die Dörfer des angrenzenden Münsterlandes durch Weinfamilienhausviertel aufgebläht worden wären, gäbe es nicht diese architektonisch ansprechende und planerisch durchdacht ehemalige „Neue Stadt“ am Nordrand des Ruhrgebiets? A. Weiß
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